"Kunst der Liebe" im Kabinett der Künste

Kabinett der Künste zeigte 2009 im Magdeburger Wissenschaftshafen zum 4. Mal das Projekt Illuxion.

Dieses Mal wurde ich vom Kulturanker e.V. eingeladen, mich daran mit der Gestaltung eines Raumes zu beteiligen.

Da mir der Kontakt von einem mir bekannten Arzt vermittelt wurde, sagte ich gerne zu.

Der Raum sollte vollkommen dunkel und schwarz sein. In ihm hängen gemalte Bilder im schwarzen Passepatout mit weißem Kern.

Jeder Besucher, der den Raum betritt, erhält vorher eine Taschenlampe seiner Wahl, und leuchtet sich seine Ausstellung sozusagen selber zusammen.

Dazu sollen Ovids Liebesgedichte zu hören sein.

Von dem Ganzen sollen Langzeitbelichtungsaufnahmen gemacht werden, auf denen dann leuchtende Fäden zu sehen sein werden, die die Bilder miteinander verknoten, sog. Lichtkonglomerate.

Gesellschaftlicher Hintergrund

Wir leben in perversen Zeiten. Wo Milliarden für Afghanistankrieg, Bankenrettungen und Fussballstadien verschleudert werden, ist gleichzeitig kein Geld für Kunst und Kultur da.

Müssen Staatskapellen, Theater und Opernhäuser, Museen, Galerien, Kunstvereine und Bibliotheken schließen, weil die Finanzmittel dafür nicht bewilligt werden.

Der Künstler heute ist nicht nur gefördert, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, sondern ist wie nie dagewesenen wirtschaftlichen Zwängen unterworfen, die er zu meistern hat.

Das kommt daher, weil heute immer noch die meisten Menschen fälschlicherweise glauben, die Kunst wäre Luxusgut. Tatsächlich und diese These habe ich schon mehrmals bekräftigt, ist sie für unsere Gesellschaft überlebensnotwendig.

Ja, ich würde sogar soweit gehen zu behaupten, dass, wenn der Mensch nicht die Fähigkeit entwickelt hätte, Kunst zu erschaffen und diese als solches wahrzunehmen, er vermutlich ausgestorben wäre, wie der Neandertaler.

So greift denn diese These auch voraus, was der Menschheit blüht, sollte eines Tages die Kunst aus Geldgründen ganz abgeschafft werden.

In dem wirtschaftlichen Bereich der Kunst ist deswegen mehr kreative Energie und Anpassungsvermögen gefordert, als in irgend einem Anderen. Künstler heute müssen, mehr als in irgend einer anderen Epoche wirtschaftlich kreativ denken, ansonsten ist ihre Kunst von vornherein zum Scheitern veruteilt.

Aus diesem Grunde verwende ich sparsame LED Lampen, die mir von der Firma Zweibrüder Optoelectronics kostenlos zur Verfügung gestellt wurden.

Die Installation verbraucht keinerlei Betriebskosten, außer dem Strom aus den Lampenbatterien, und dem CDPlayer, der den Ovidtext ließt.

Ich reise mit einer A2 Mappe an, in dem sich alle gerahmten Bilder befinden, kostengünstig über die Mitfahrzentrale für 6,-€ zwischen Halle und Magdeburg. Mit dabei noch einige zerlegte Schuhkartons, ein Schlafsack mit Isomatte, einige Requisiten und Werkzeug. Alles passt in meinen Rucksack.

Vom Veranstalter bei der Anreise auf mein leichtes Gepäck angesprochen (er hatte wohl erwartet, dass ich mit einem LKW voller Technik und großformatigen Bildern anrücke) anworte ich:

"Ich bin ein Virus. Ich zerlege mich in meine Einzelteile, und setze mich dann bei Bedarf, ganz den Gegebenheiten entsprechend wieder zusammen. So wie die Herpesviren, meine Vorbilder, gegen die kein Antiköper hilft."

Kulturhistorischer Hintergrund

Natürlich ist mir die Idee nicht von heut auf morgen gekommen, sondern hat sich im Laufe der Zeit, während dem Malen und der Interaktion mit dem Kulturanker e.V. heraus- und zusammenkristallisiert.

Nicht unbekannt sind mir natürlich auch die Zusammenhänge aus der Kunstgeschichte. So gestalteten die Surrealisten, ich glaube 1937 war's, ein Gebäude mit Malereien aus, in dem sie die Fenster mit Kohlesäcken zuhängten, und sich die Besucher mit Taschenlampen durch die Ausstellung orientierten.

Es gab damals noch keine LED Technik. Und es war der christlich geprägten Gesellschaft noch nicht bewusst, dass es diese Lichtfäden, und Lichtkonglomerate, die alle Lebewesen miteinander verbinden, tatsächlich gibt.

Heute wissen das einige wenige von der modernen Biophysik, der sog. Biophotonenforschung, deren promintentester deutscher Vertreter Fritz Albert Popp ist.

Und aus Überlieferungen schamanischer Traditionen der Indianer Nordmexicos, für die sich übrigens auch etwa Max Ernst, Antonin Artaud oder André Breton interessierten.

Nur sind diese unter normalen Umständen dem menschlichen Auge unsichtbar.

Die Umsetzung

Doch in der Kunst sollte nichts normal sein, am wenigsten die Künstler. Und so war denn auch auf dem schwarzen Vorhang, kurz bevor man in den Raum eintrat (angelehnt an den surrealistischen Roman `der Steppenwolf' von Hermann Hesse) zu lesen:

"Nur für Verrückte"

Es waren anfänglich Geräusche zu hören, von Sternen und Meteroiten, die direkt von der Nasa stammen und von Weltraumsonden aufgenommen wurden. Anschließend gingen diese über in Aufnahmen direkt aus dem menschlichen Körper, vor zirkulierndem Blut über Innengeräuschen von Organen.

Dann wurden von einer lauten männlichen Stimme die 5 Liebesgediche von Ovid gelesen, in der Reihenfolge:

  1. Venus und Adonis
  2. Acis und Galathea
  3. Philemon und Baucis
  4. Scylla und Minos
  5. Narcissus und Echo

Jedes dieser Gedichte schildert eine spezifische Form der Liebe, dargestellt von griechischen und römischen Gottheiten, Halbgöttern und Menschen der Antike. Von der Liebe, die im Tod des Partners endet, über das unerfüllte Begehren von Liebe, bis hin zur Selbstliebe.

Zu jedem dieser 5 Liebesgedichte habe ich eine Bilderserie gemacht, die aus einer zentralen Form, etwa einem Auge, oder einer Form, die an Fruchtbarkeit erinnert, entsprang und um die sich Figuren, die ich zum Teil nach Abbildungen zum Teil nach der Natur malte, gruppierten.

Der Besucher konnte sich diese 5 Gruppierungen zu den Liebesgedichten, die wie in einem Bogen aufgepannt waren, ablaufen, und sich dann in der linken Ecke des Raumes hinsetzen, in dem keine Kunst war, sondern nur Stühle standen.

Die Einwände

20 Jahre Mauerfall? Und wo bitte sind hier Venus und Adonis?? Ist das nicht obszön, was sie dort zeigen???

An dieser Stelle möchte ich gar nicht in eine Erklärungsorgie fallen, nur darauf hinweisen, daß es in den 70ger Jahren ein Fernsehinterview mit Klaus Kinski an einem See gab.

Die Interviewerin fragte Kinski, warum er gerade und ausgerechnet das Neue Testament vortrage, worauf dieser ungehalten erwiderte: "Wer so etwas frage, sei entweder total ahnungslos, oder bösartig!"

Ganz ungeachtet seiner weiteren Ausführungen ("da bin ich jetzt 41 Jahre alt, und muß mir von einer Analphabetin hier sowas anhören.....oder weil sie hier irgendwelche Kuriositäten rausfinden wollen, oder was?.....ach haun' sie doch ab mit ihren Kameras.....so eine Bande von Idioten....",), aber was hat Kinski wohl vor allem mit dem oben erstgenannten Satz gemeint?

Wahrscheinlich dasselbe, was Thomas Mann in den 20er Jahren schon höflich 'reglementierte Geistigkeit' nannte.

Und vielleicht meinten auch beide in ihrer unterschiedlich eigentümlichen Art und Weise, man solle doch lieber ein Kunstwerk so hinnehmen wie es ist, anstatt ständig nur das Haar in der Suppe zu suchen.

Also um die Fragen oben zu beantworten, nein, es ist nicht obszön, was ich tue, sondern menschlich seit eh und je (siehe Antike und Rennaisance, immer schon wurden nackte Menschen dargestellt).

Venus ist auf dem blauen Bild, die mit der Haube, gleich neben dem Eingang und streckt die Arme nach oben, und Adonis hat sich aus Schreck vor dem Besucher hinter dem Roten Mittelbild, was sich Octopus nennt versteckt.

Und die "Kunst der Liebe" hat sehr wohl etwas mit dem Fall der Mauer von vor 20 Jahren zu tun. 

Die Dokumentation

Während ich die Bilder auswerte, bearbeite, hochlade, (ich bin gut eine Woche fast rund um die Uhr damit beschäftigt) Aufzeichnungen aus der Zeit des Aufbaus nochmals durchgehe und inzwischen dabei bin, neue Bilder zu malen, fällt mir ein denkwürdiges Zitat ein:

O, meine Freunde! warum der Strom des Genies so selten ausbricht, so selten in hohen Fluten hereinbraust und eure staundende Seele erschüttert? -Liebe Freunde, da wohnen die gelassenen Herren auf beiden Seiten des Ufers, denen ihre Gartenhäuschen, Tulpenbeete und Krautfelder zu Grunde gehen würden und die daher in Zeiten mit Dämmen und Ableiten der künftig drohenden Gefahr abzuwenden wissen....

...lässt Goethe den Jungen Werther notieren, wie vieles, nahm er doch hinweg den kommenden zweihundert Jahren, mit diesem simplen Worten.

Und vielleicht habt ihr Euch auch schon einmal gefragt, wie ich es einst früher tat, warum sich Joseph Beuys heimtückisches Werbeversprechen: "Jeder Mensch wäre ein Künstler", sich offenbar mit seinem Tod in Wohlgefallen auflöst?

Nun wenn Ihr euch diese Langzeitbelichtungsaufnahmen aufmerksam anschaut, und sie entsprechend zu deuten wisst, dann werdet Ihr vielleicht die Anwort darauf finden.

Denn das, was ein 'echtes'  Kunstwerk von einem 'faulen' unterscheidet, das ist die Kontinuität.

Und so sind es viel eher die 'kleinen' Dinge, die einer Sache zum Erfolg verhelfen, wie schon eine alte Samuraiweisheit sagt. Die Großen tun sich dann schon fast von alleine.

 

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