Ist wirklich jeder Mensch ein Künstler?

Wenn man den Wahrheitsgehalt einer Aussage prüfen will, sollte man immer erst nach der Quelle gucken.

Der Mensch, der diesen Satz geprägt hat, was war er für einer? In welchem Kontext ist dieser Satz gefallen? Wurde er später vielleicht durch ein und die selbe Person wieder korrigiert, oder gar revidiert?

Als Beuys diesen Satz gesagt hat, war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Fett- und Filzguru. Er war bereits ein weltweit renommierter Künstler und Professor. Er hatte seine Werke in vielen bekannten Galerien und Museen dieser Welt, und wurde mit öffentlichen Aufträgen, Ehrungen und Preisen nur so überhäuft.

Er konnte es sich also Leisten, provokante Äußerungen zu tun. Was aber mag ihn dazu bewogen haben, eine Äußerung zu tun, die sein tun und sein eigenes Dasein in der Gesellschaft in Frage stellt? 

Das ist eine Frage, die bis heute die Kunsthistoriker beschäftigt. Ich werde versuchen, in diesem Aufsatz so gut es geht darauf eine Antwort zu finden.

 

Revolutionäre Eiferer und ihre Züge

 

Es ist bekannt, daß Beuys neben seinen künstlerischen Aktivitäten auch politisch aktiv, ja sogar Gründungsmitglied der Grünen war. Es ist darüber hinaus bekannt, daß er mit der 1992 verstorbenen Grünenpoitikerin Petra Kelly ein enges freundschaftliches Verhältnis pflegte, und daß sie mehrere male gemeinsam aufgetreten sind.

Die Grünen sind direkt oder indirekt aus den 68er Studentenbewegungen hervorgegangen, an denen sich ja auch Beuys beteiligt hatte. Einer der Anführer der 68er, wenn nicht der Anführer schlechthin war Rudi Dutschke.

Dutschke, Beuys und Kelly, was waren das für Leute? Beuysschüler und Kenner Johannes Stüttgen stellt eine merkwürdige Symmetrie zwischen den Todesdaten dieser 3 Personen fest. 

Diese 3 Charaktere, hatten eines gemeinsam, sie waren in sich sehr widersprüchlich. Sie wollten etwas Revolutionäres sagen und tun, und sind dabei enigemal über das Ziel hinausgeschossen.

Und was ist aus den Grünen geworden? Nun ich denke, spätestens nach dem Eintritt der rot- grünen Regierung in den Kosovokrieg und dem darauf folgenden Farbbeutelattacke auf deren Rädelsführer und ebenfalls 68'er Revoluzzer Joschka Fischer sollte sich das pazifistische Image der Grünen erledigt haben.

 

Was hinter den Kulissen passierte- ein interessantes Telefongespräch

 

Der von Beuys hoch geschätzte Bildhauer und Maler Alfred Hrdlicka erzählte zu seinem 80sten Geburtstag eine sehr merkwürdige Begebenheit: Danach rief Beuys ihn an, mit dem Ziel, Alfred Hrdlicka dazu zu überreden, eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf zu übernehmen.

"Das ist zwar nett von Dir, ich wüsste aber nicht warum ich das tun sollte." War die Antwort von Hrdlicka, worauf Beuys erwidert haben soll: "Keiner kann hier mehr zeichnen...!"

Ist das nicht komisch? Einerseits (öffentlich) soll jeder ein Künstler sein, anderseits (heimlich unter Kollegen) kann aber keiner mehr zeichnen, was aber die Grundlage der bildenden Kunst ist!

Wenn ihr jetzt den Eindruck gewinnt, hier ist was faul. dann seid ihr meiner Meinung nach genau auf dem richtigen Dampfer.

Hat Beuys die Aussage, nach der jeder Mensch ein Künstler sein soll etwa nur aus Publicitygründen gemacht?

 

Ist denn nun jeder ein Künstler oder nicht?

 

Ich denke nicht, was für ein Unsinn! Bei allem Respekt vor diesem wirklich großem Mann. Oder was meint ihr, warum nach Beuys kein Künstler mehr diese Aussage in der Öffentlichkeit wiederholt hat?

Eine ungeschicktere Aussage über Künstler fällt mir derzeit gar nicht ein. Da kann ich ebendsogut daher gehen zu behaupten, jeder Mensch sein ein Postbote, ein Arzt oder ein Bäckermeister.

"Ja aber jeder hat doch theoretisch die Fähigkeit, Briefe auszutragen, Menschen zu heilen und Brot zu backen, wäre also 'theoretisch' ein Postbote, Arzt oder Bäcker, warum dann nicht auch ein theoretischer Künstler?", fragt ihr jetzt vielleicht. Eben, nur theoretisch! Es geht jedoch nur um die Praxis, und nicht darum, was ich mit in meinen Träumen so alles ausmale.

Denn zu der Qualifikation eines Postboten gehört es, bei der Post angestellt zu sein, und jeden Morgen bei Wind und Wetter Briefe und Pakete auszutragen. Ein Arzt muß Medizin studiert haben, und dann sein Wissen beim Patienten in die Praxis umsetzten. Ein Bäckermeister steht morgens um 5 tagtäglich in der Backstube und backt Brötchen. Und ein Künstler steht eben tagtäglich bis tief in der Nacht im Atelier, und widmet sich mit ganzer Energie seiner Kreativität und Produktivität.

Und wer das eben nicht macht, weil ihm die Zeit dazu zu schade ist, oder weil er lieber vor dem Fernseher sitzt, ist dann eben auch kein Künstler und sollte den Berufskünstlern ihre Arbeit nicht madig machen, basta!

Dabei sollte man's auch belassen, und nicht noch die Kirche noch aus dem Dorf tragen wollen.

 

Beuys und die Folgen

 

Und wenn Euch das noch nicht reicht als Beweis, dann solltet ihr euch mal das Gebaren von Leichenfledderers und offensichtlichen Beuysparodisten Gunther von Hagens ansehen: Jedes seiner plastinierten Leichen, die er als seine Zeugen aufmarschieren lässt, (zuletzt die, die Geschlechtsverkehr nachahmen) sind eine konsequente Umsetzung von Beuys Theorie der sozialen Plastik, so wie er sie versteht.

Man könnte von Hagens also auch als Beuys treusten Schüler bezeichnen, und der Erfolg, (viele Millionen Zuschauer zahlten den horrenden Eintritt in seine weltweiten Körperweltenausstellungen) gibt ihm recht.

Denn wenn laut Beuys jeder Mensch Künstler, und somit alles Kunst wäre, dann sind die plastinierten Leichen von Hagens die Krone der Kunst. Und wenn es soweit ist, daß wir den konservierten Tod in die Museen stellen, und als Kunst bewundern, dann ist doch jede Moral in der Gesellschaft endgültig zum Teufel.